Genetische Besonderheiten

Erbfehler bei Wagyu

Um das Thema „Gendefekte“ sind in der letzten Zeit viele Fragestellungen und Fehleinschätzungen entstanden. Insbesondere auch durch die Tatsache, dass der Fakt der „Erbfehlerfreiheit“ als absolutes und bestimmendes Qualitätskriterium gesehen wird. Dies ist grundsätzlich falsch, da die Qualität eines Tieres durch Faktoren wie Abstammung, Rahmen, Milchleistung, Vererbung der Marmorierung etc. maßgeblicher bestimmt wird. Auch spielt die Berücksichtigung des Inzuchtkoeffizienten bei der kleinen Ausgangspopulation eine gewichtige Rolle für die Gesundheit der Tiere. Die nachfolgenden Ausführungen sollen hier für Aufklärung sorgen, um auch Fehleinschätzungen zu vermeiden, die die deutsche Zucht nachhaltig in der Entwicklung einer genetischen Breite negativ beeinflussen könnte.

Japanische Population

Bereits bei den Tieren, die aus Japan exportiert worden sind, lagen Gendefekte vor. Dazu gehören herausragende Vererber wie:

  • Itomoritaka CHS

  • Itoshigefuji CHS

  • Itoshigenami F11

  • JVP Fukutsuru 068 F11

  • Yasufuku Jr. CL16

  • Kitateruyasudoi F11


Diese Liste ist nicht abschließend, sondern nur beispielgebend, zumal hier nur die Bullen, aber nicht auch noch die weiblichen Tiere aufgelistet wurden. Wären diese Tiere aufgrund der Gendefekte nicht exportiert worden oder sofort nach der Kenntnis des Gendefektes aus der Zucht genommen worden, so würde heute die reinrassige Wagyu-Zucht wohl kaum noch existieren. Denn die Population, die insgesamt aus Japan exportiert wurde, war schon klein und führt heute zu wirklichen Herausforderungen bei der Zucht bzw. Vermeidung von Inzucht. Jedes sehr gute Zuchttier wird also weiterhin benötigt und für die Bullen der ersten Stunde werden Spitzenpreise für das Sperma bezahlt.

Erbfehler
Bei den fünf bekannten Erbfehlern handelt es sich um autosomal rezessive Erbkrankheiten. Das heißt, dass die Erbkrankheiten nur dann auftreten, wenn diese auf beiden Allelen vorhanden sind.
Folgende Gendefekte sind derzeit bekannt:
• CHS (Chediak Higashi Syndrom)
Dabei handelt es sich um eine Störung speziell der Makrophagen (weiße Blutkörperchen, die wichtig für die Immunabwehr sind). Tiere mit CHS haben dadurch eine verminderte Immunabwehr und häufiger bakterielle Infektionen. Anzeichen sind eine langsamere Blutgerinnung sowie eine auffallend helle Fellfarbe. Ein erster Indikator ist bei der Geburt eine ungewöhnliche Blutung im Bereich der Nabelschnur.

• B3 (Spherocystosis)

Dies ist eine Störung der Oberflächenmembran der Erythrozyten (rote Blutkörperchen). Das Protein aus dem B3-Gen bildet die Grundstruktur der Erythrozyten. Rinder, die homozygot betroffen sind (also zwei Kopien des rezessiven Allels haben), leiden an Anämie aufgrund der abnormen roten Blutkörperchen. Dies führt bei Kälbern meist in den ersten 7 Tagen zum Tod. Es gibt auch Fälle, die länger gelebt haben, aber zum Beispiel im Wachstum dann schwer behindert waren.

• CL16 (Claudin 16 - Mangel)

Diese ist auch unter der Bezeichnung RTD oder renale tubuläre Dysplasie bekannt. Die Anhäufung von fibrösem Gewebe führt zu einem stark erhöhten Risiko von Nierenversagen. Die Erkrankung kann jederzeit während des Wachstums auftreten und führt dann dazu, dass die Tiere meist nicht länger als 6 Jahre alt werden.

• F11 (Faktor XI – Mangel)

Faktor XI – Mangel ist eine autosomale Erkrankung, die bei Wagyu mit einer leicht erhöhten Blutungsneigung verbunden ist. Der Gerinnungsfaktor XI ist in der Wirksamkeit herabgesetzt. Die betroffenen Tiere zeigen leicht verlängerte Blutungszeiten sowie eine ungewöhnliche Plasmakoagulation nach einem Trauma oder chirurgischen Eingriff. Diese Erbkrankheit ist nicht letal und hat keine Auswirkung auf das Leben des Tieres, das in der Regel ganz normal verläuft.

Es gibt noch einen weiteren Gendefekt mit der Bezeichnung „Faktor XIII – Mangel“, der zwar in der Wagyu-Population festgestellt wurde, aber extrem selten ist. Daher wird an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen.
Wichtig ist es, festzuhalten, dass die Auswirkungen der genetischen Defekte dann sichtbar werden und Einfluss haben, wenn die Tiere den Status „affected“ (s.u.) haben.

Kategorien der Erbfehlerdiagnostik

F Diese Tiere sind frei (englisch: free) von dem untersuchten Erbfehler. Teilweise finden sich in den Pedigreeübersichten der Australier und Amerikaner die Abkürzungen FU – dies wird dann genutzt, wenn beide Elternteile nachgewiesen den Gendefekt nicht hatten und damit abgeleitet werden kann, dass dieser Defekt dann auch nicht bei den Nachkommen auftritt.
C Diese Tiere tragen (englisch: carrier)auf einem mutierten Allel den Gendefekt und sind phänotypisch nicht von einem gesunden Tier zu unterscheiden.
A Diese Tiere sind erkrankt an dem jeweiligen Erbfehler – das A leitet sich aus dem englischen „affected“ ab. Beide Genstandorte sind mutiert und der Gendefekt tritt auch phänotypisch auf.
Voraussetzung für eine ordentliche Zucht ist, dass die Tiere auf Gendefekte untersucht werden. Somit ist es dann möglich, diejenigen Tiere, die den Status „affected“ haben, weitgehend auszuschließen. Tiere, die nur „carrier“ sind, können und müssen bei entsprechender sonstiger „Eignung“ für die Zucht eingesetzt werden. Dabei gilt es zu vermeiden, dass „carrier“ mit dem gleichen Gendefekt angepaart werden. Andererseits können aus der Anpaarung eines Carriers mit einem Gendefekt-freien Tier 50% der Tiere ohne Gendefekt entstehen.

Worauf geachtet werden muss, geht aus folgendem Schema für das Zuchtmanagement hervor:

Anpaarung Verteilung der Nachkommen
  Frei Carrier Affected
Frei x Frei 100%    
Frei x Carrier 50% 50%  
Carrier x Carrier 25% 50% 25%
Frei x Affected   100%  
Carrier x Affected   50% 50%
Affected x Affected     100%


Angebot von Erbfehleruntersuchungen
• Agrobiogen
Bei Agrobiogen können folgende Erbfehler mittels einer Haarprobe (inkl. Wurzel!) getestet werden:
o B3
o CHS
o F11
o CL16

Mehr Informationen unter: www.agrobiogen.de

• Neogen Europe
Bei Neogen Europe können Folgende Erbfehler mittels einer Haarprobe (inkl. Wurzeln!) getestet werden:
o B3
o CHS
o F11
o F13
o CL16
Mehr Informationen unter: www.neogeneurope.com


Fazit:
Für jeden Züchter ist es wichtig, dass die Tiere auf potentielle Erbfehler getestet werden. Dies liegt in der Eigenverantwortung des Züchters gegenüber seinen Tieren!
Erbfehlerfreiheit kann als Verkaufsargument für den Käufer einen Zusatznutzen bieten. Dieser soll aber nicht überschätzt werden. Denn wesentlich wichtiger sind – wie bereits erwähnt – Faktoren wie Abstammung, nachgewiesene Vererbung gewünschter Eigenschaften wie Marmorierung, Rahmigkeit und Milchleistung. Was nutzen erbfehlerfreie Tiere, die aber für die Zucht nicht mehr geeignet sind?
Auf die Herdbuchführung hat das Vorliegen eines Gendefekts keine Auswirkung.
Freuen wir uns also über eine möglichst breite Zuchtpopulation, die aus Tieren besteht, die keine Gendefekte haben oder sog. Carrier sind – diese sind ein wertvoller Beitrag zu Weiterentwicklung der Wagyu-Zucht in Deutschland bzw. Europa.

Links zu den Ausführungen der amerikanischen und australischen Zuchtorganisationen:
American Wagyu Association:
http://wagyu.org/uploads/page/Inherited%20Recessive%20Traits%20in%20the%20US%20Red%20%26%20Black%20Wagyu%20Breed_v5.pdf

Australian Wagyu Association:
http://wagyu.org.au/breeding-wagyu/seedstock-sires-dams/genetic-conditions/